Die ICH Q2(R2) Änderung ist seit dem 14. Juni 2024 verbindlich in Kraft und ersetzt ICH Q2(R1) als globaler Standard für die Validierung analytischer Methoden in der Pharmazie. Für QC-Leiter, Analytiker und Validierungsverantwortliche in Pharma, Biotech, Radiopharmazie und CDMOs bedeutet das: Alle neuen Validierungen müssen nach ICH Q2(R2) erfolgen und Validierungsprotokolle darauf referenzieren, Protokolle mit Q2(R1)-Verweis sind formal veraltet. Bestehende Protokolle sollten im Rahmen der nächsten Revalidierung aktualisiert werden. Zudem wird der ganze Lifecycle der analytischen Methode betrachtet.

  • Was ist ICH Q2(R2)? 
    • Leitlinie der ICH zu Validierungsparameter wie Spezifität, Linearität, Richtigkeit, Präzision und Robustheit
    • Nachgewiesen bevor Chargenfreigabe
    • Anerkannt EMA und FDA
    • Erstmals explizit Verknüpfung mit ICH Q14 (Validierung als Teil eines durchgängigen analytischen Lifecycles)
  • Wer ist betroffen?
    • Alle, die im GMP-Umfeld analytische Methoden validieren
    • QC-Leiter, Analytiker
    • Validierungsverantwortliche (QC, QM)
    • CDMO
    • regulatorische Einreicher in Pharma, Biotech und Radiopharmazie.
  • Was hat sich geändert?
    • Drei Kernpunkte:
    • Robustheit in Methodenentwicklung (ICH Q14) verschoben (nicht Validierungsstudie)
    • Reportable Range klar definiert (z. B. 80–120 % für Gehaltsbestimmungen).
    • SST zentraler Bestandteil

Was ist für HPLC- und Radio-HPLC-Validierungen in der Praxis wirklich relevant? Dieser Artikel gibt dir einen kompakten, praxisorientierten Überblick.

Hintergrund: Warum die ICH Q2(R2) Änderung resp. überarbeitet wurde?

ICH Q2(R1) aus dem Jahr 2005 war für klassische analytische Methoden konzipiert wie UV-Spektroskopie, klassische HPLC, Titration. Die analytische Welt hat sich seitdem erheblich weiterentwickelt:

  • Multivariate Methoden (NIR, Raman, PAT) sind in der Routineanalytik angekommen
  • Lifecycle-Konzepte für analytische Methoden (kontinuierliche Verbesserung statt einmaliger Validierung) wurden in ICH Q14 eingeführt
  • Robustheit wurde in der Praxis oft falsch eingeordnet, als Teil der Validierung statt der Entwicklung
  • Radiopharmaka und Biologika erforderten angepasste Ansätze und wurden in der Q2(R1) nicht adressiert.

Die ICH Q2(R2) schließt diese Lücken und bringt die Validierungsleitlinie in Einklang mit dem modernen pharmazeutischen Qualitätssystem (ICH Q8–Q14).

Die wichtigsten Änderungen im Überblick

AspektICH Q2(R1) (bis Juni 2024)ICH Q2(R2) (ab Juni 2024)
DokumentstrukturQ2A + Q2B zusammengeführtEin konsolidiertes Dokument
Verknüpfung mit EntwicklungNicht explizitExplizit verknüpft mit ICH Q14
RobustheitTeil der formalen ValidierungsstudiePrimär in der Entwicklungsphase (vor Validierung)
Reportable RangeNicht klar definiertKlar definiert – eigene Tabelle für verschiedene Anwendungen
SSTNicht klar definiertneu als integraler Bestandteil mit ICH Q14
Multivariate MethodenNicht adressiertEigener Abschnitt (Kapitel 2.5)
Kombinierter Ansatz Accuracy/PrecisionNicht vorgesehenExplizit erlaubt
Lifecycle-AnsatzEinmalige ValidierungValidierung als Teil des analytischen Lifecycles
Plattform-MethodenNicht adressiertAbgekürzte Validierung bei etablierten Plattformmethoden möglich

Die 7 wichtigsten Änderungen im Detail

1. Robustheit gehört in die Entwicklung, nicht in die Validierung

Das ist die praxisrelevanteste Änderung für viele Labore.

In der ICH Q2(R1) war Robustheit ein optionaler Teil der Validierungsstudie und wurde oft als letzter Schritt durchgeführt, manchmal auch weggelassen.

In der ICH Q2(R2) ist die Robustheit primär eine Aufgabe der Methodenentwicklung (verknüpft mit ICH Q14) und sollte VOR der formalen Validierungsstudie abgeschlossen sein. Die Ergebnisse aus der Entwicklung können als Validierungsdaten genutzt werden, müssen aber dokumentiert sein.

Praktische Konsequenz: Wer die Robustheit bisher in der Validierung durchgeführt hat, muss das Protokoll anpassen. Die Daten aus der Entwicklung müssen zugänglich und referenzierbar sein.

2. Verknüpfung mit ICH Q14: Validierung als Lifecycle-Konzept

Die ICH Q2(R2) ist explizit mit der ICH Q14 (Analytical Procedure Development) verknüpft. Das bedeutet:

  • Wissen aus der Methodenentwicklung (Entwicklungsdaten, DoE-Studien, Robustheitsstudien) kann direkt als Validierungsdaten genutzt werden
  • Validierung ist nicht mehr ein einmaliges Ereignis, sondern Teil eines kontinuierlichen Lifecycles
  • Änderungen an validierten Methoden werden im Kontext des Lifecycles bewertet mit risiko- und wissenschaftsbasiertem Ansatz

Praktische Konsequenz: Entwicklungsdaten müssen sorgfältig dokumentiert werden und sind Teil der Validierungsdokumentation.

ICH Q2_R2 und Q14
Bild: Auszug Figure 1 der ICH Q2(R2)

3. Reportable Range: Jetzt klar definiert

ICH Q2(R2) führt den Begriff „Reportable Range“ ein und definiert ihn klar: der Bereich, in dem die Methode Ergebnisse mit akzeptabler Antwort, Richtigkeit und Präzision liefert.

Empfohlene Reportable Ranges für häufige Anwendungen:

AnwendungUntere GrenzeObere Grenze
Gehaltsbestimmung80 % des deklarierten Gehalts120 % des deklarierten Gehalts
PotenzUnterste Spezifikationsgrenze −20 %Oberste Spezifikationsgrenze +20 %
Gleichförmigkeit70 % des deklarierten Gehalts130 % des deklarierten Gehalts
VerunreinigungenReporting Threshold120 % der Spezifikationsgrenze

4. SST als integraler Bestandteil

Mit der gemeinsamen Einführung von ICH Q14 (Verfahrensentwicklung) und ICH Q2(R2) wird der SST nicht mehr isoliert betrachtet. Die Kriterien für den SST leiten sich direkt aus der Analytical Target Profile (ATP) und den Risikoanalysen während der Methodenentwicklung ab.

5. Multivariate Methoden: Eigener Abschnitt

ICH Q2(R2) adressiert erstmals multivariate analytische Methoden (NIR, Raman, PAT, PLS-Modelle) in einem eigenen Kapitel (2.5). Für klassische HPLC-Labore ist das zunächst weniger relevant, aber für Labore, die zunehmend Inline-Analytik oder spektroskopische Methoden einsetzen, ist dieser Abschnitt wichtig.

6. Kombinierter Ansatz für Accuracy und Precision

ICH Q2(R2) erlaubt explizit einen kombinierten Ansatz zur Bestimmung von Accuracy und Precision in einer gemeinsamen Studie, statt zwei separater Experimente. Das reduziert den Validierungsaufwand bei korrekter Studienplanung.

7. Abgekürzte Validierung für Plattformmethoden

Wird eine etablierte Plattformmethode für einen neuen Zweck angepasst, kann die Validierung abgekürzt werden, sofern dies wissenschaftlich begründet wird. Das ist besonders relevant für Labore, die standardisierte HPLC-Methoden auf ein neues Produkt übertragen.

Was bedeutet das konkret für dein Validierungsprotokoll?

Sofortmaßnahmen (für neue Protokolle):

  1. Referenz aktualisieren: ICH Q2(R1) → ICH Q2(R2) (EMA/CHMP/ICH/82072/2006, gültig ab 14. Juni 2024)
  2. Robustheit neu einordnen: Als Entwicklungsdaten dokumentieren, nicht als Validierungsschritt
  3. Reportable Range definieren und im Protokoll explizit ausweisen
  4. Verknüpfung mit ICH Q14 herstellen, Entwicklungsdaten referenzieren

Für bestehende Protokolle (bei nächster Revalidierung):

  • Verweis auf Q2(R1) durch Q2(R2) ersetzen
  • Robustheitsdaten aus der Entwicklung in die Validierungsakte überführen
  • Reportable Range explizit definieren, falls noch nicht vorhanden

Was ändert sich für die Radio-HPLC Validierung speziell?

Für die Radio-HPLC Validierung in der Radiopharmazie sind die Änderungen durch ICH Q2(R2) überschaubar – die grundlegenden Radiopharmazie-spezifischen Anpassungen (Recovery statt Accuracy, Wiederholbarkeit statt Reproduzierbarkeit, aktivitätsbasierte Linearität) bleiben unverändert und werden weiterhin durch die EANM-Leitlinie (Gillings et al. 2020) geregelt.

Die wichtigste Änderung für Radio-HPLC: Robustheit muss jetzt explizit als Entwicklungsdaten vorliegen, nicht als nachträglicher Validierungsschritt.

👉 Alle Details zur Radio-HPLC-Validierung nach ICH Q2(R2), EANM und GMP Annex 3: Radio-HPLC Validierung: Schritt-für-Schritt →

FAQ: ICH Q2(R2)

Ab wann gilt ICH Q2(R2) verpflichtend?

ICH Q2(R2) ist seit dem 14. Juni 2024 in Kraft. Neue Validierungsprotokolle müssen auf Q2(R2) referenzieren. Bestehende validierte Methoden müssen nicht sofort revalidiert werden, aber bei der nächsten Revalidierung oder wesentlichen Methodenänderung sollte der Wechsel vollzogen werden.

Muss ich meine bestehenden Validierungsprotokolle sofort aktualisieren?

Nein – eine sofortige Revalidierung aller bestehenden Methoden ist nicht erforderlich. Der Wechsel von Q2(R1) auf Q2(R2) erfolgt im Rahmen des normalen Methodenlebenszyklus. Bei wesentlichen Methodenänderungen oder geplanten Revalidierungen sollte jedoch auf Q2(R2) gewechselt werden.

Was sind die ICH Q2(R2) Änderung?

ICH Q2(R2) beschreibt die Validierung analytischer Methoden. Die ICH Q2(R1) ist nicht mehr gültig. Wichtig ist die Verknüpfung mit der ICH Q14. Die Analysemethode wird als Ganzes betrachtet, von der Entwicklung über die Validierung über das Lifecycle Management.

Was ist die ICH Q14?

ICH Q14 beschreibt die Entwicklung analytischer Methoden. Beide Leitlinien ICH Q2(R2) und ICH Q14 sind explizit miteinander verknüpft: Entwicklungsdaten aus ICH Q14 können als Validierungsdaten in ICH Q2(R2) genutzt werden.

Gilt ICH Q2(R2) auch für Radiopharmaka?

Ja! ICH Q2(R2) gilt als Basisleitlinie. Für Radiopharmaka wird sie durch die EANM-Leitlinie (Gillings et al. 2020) ergänzt, die Radiopharmazie-spezifische Anpassungen der Validierungsparameter beschreibt.

Welche Validierungsparameter haben sich inhaltlich geändert?

Die Kernparameter (Spezifität, Linearität, Accuracy, Precision, LOD, LOQ, Robustheit) sind inhaltlich weitgehend gleich geblieben. Die wichtigste inhaltliche Änderung ist die Neueinordnung der Robustheit in die Entwicklungsphase und die explizite Definition der Reportable Range.

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Über den Autor

Dominic Franck ist HPLC-Spezialist mit über 15 Jahren Erfahrung in der Pharma- und Radiopharmaindustrie und Gründer der HPLC-Academy. Die Radio-HPLC Grundlagen hat er vor über 11 Jahren an der University of Cambridge und ETH Zürich gelernt und weiter ausgebaut und zum Thema Paper geschrieben. Er war Abteilungsleiter Analytik und hat zahlreiche HPLC-Validierungen und Audits begleitet. Er vermittelt auf seinem YouTube-Kanal praxisnah den Umgang mit der HPLC und verrät die Trick und Kniffe beim Troubleshooting. Mit der HPLC-Academy und dem spezialisierten Radio-HPLC-Modul hilft er User, Analytiker und QC-Leiter, ihre Methoden beim ersten Anlauf zu entwickeln, optimieren, validieren und Audits mit Zuversicht zu bestehen.

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Quellen:

Zuletzt aktualisiert: August 2026